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Hundeknigge: „Das Kind darf alles mit ihm machen“

cloud4pets Blog: Hundeknigge: „Das Kind darf alles mit ihm machen“
Bitte Leinenpflicht einhalten: Menschen und Hunde, die mit „Freiläufern“ Probleme haben, sollten sich wenigstens dort sicher fühlen und ungestört spazieren gehen können, wo Freilauf ausdrücklich verboten ist.

Mit Tieren aufzuwachsen kann für Menschen eine wunderbare Erfahrung sein. Für die Vierbeiner – oder Zweiflügler – auch! In vielen Fällen jedoch ist es für die Tiere ein Horrortrip. Ich habe Menschen schon öfter Sätze sagen hören wie, der Hund hätte den niedrigsten „Rang“ in der Familie. Oder der Hund sei zuhause der letzte in der Nahrungskette. Und der Hund müsse sich auch bei den Kindern fügen und sich alles gefallen lassen. Er müsse sich z.B. jederzeit vom Kind sein Spielzeug oder sein Futter wegnehmen lassen, ohne sich zu wehren oder sich gar aggressiv zu verhalten. Einfach so. Und ohne, dass es geübt wird – wenn das Kind dem Hund etwas wegnehmen will und der Hund aufmuckt, wird er gemaßregelt. Vielleicht denken viele Menschen auch, das wäre „üben“?

Äh, nein?

Leider zeugt dies nicht nur von einer traurigen Ignoranz, was die Rechte nichtmenschlicher Lebewesen angeht. Es zeugt auch von einem maximalen Nichtverständnis der hündischen Natur. Denn Hunde beurteilen Menschen und inwiefern sie sie respektieren und ihnen folgen nach deren Verhalten. Sie haben grob gesagt ein genetisch verankertes Bewertungssystem, das sowohl innerartlich als auch ihre Menschen nach fairen und eindeutigen Führungskompetenzen – die gerade in Kinder i.d.R. eher noch nicht besitzen – einstuft. Hunde ordnen Menschen nicht supergut und kompetent ein, die ihnen gegenüber die Haltung pflegen „ich Chef, du nix“. Kein Hund sagt dann „okay, geil!“ und nimmt seinen Menschen maximal ernst und erstickt vor Liebe zu ihm. Den Respekt eines Hundes muss man sich durch stimmiges Verhalten verdienen – und zwar aus Sicht des Hundes. Das heißt nicht, ich muss immer perfekt sein. Aber authentisch und angemessen sind schonmal eine gute Basis. Allerdings tun sich damit schon viele Erwachsene schwer, wie soll das dann mit Kindern funktionieren?

Wunschdenken versus Naturverständnis

Auch, wenn es Kinder gibt, die ein besseres Gespür für Tiere haben als viele Erwachsene, sind diese leider eine eher seltene Ausnahme heutzutage. Kinder verhalten sich oft naturgemäß – je nach Alter und mehr oder weniger – unberechenbar, schnell und laut, unbeholfen, übergriffig etc. Warum sollten Hunde sie als ihre Herrn und Meister ansehen? Warum sollte ein Hund sich von einem Menschen Verhalten gefallen lassen, das er sich nicht einmal innerartlich gefallen lassen würde? Das ist unnatürlich. Ein Mensch, der die Natur seines Hundes weder versteht noch achtet, muss mit Konsequenzen rechnen. Die nettesten Konsequenzen sind dann z.B. nicht ernst genommen oder gemieden zu werden. Hunde sind naturgemäß halt einfach maximal sozial. Erst einmal.

Ein Hund ist kein Kinderspielplatz

Ich weiß nicht, worauf du so stehst, aber will nicht, dass ein Kind mich als Hüpfburg benutzt, seine Hände in meine Haare krallt, seine Arme um meinen Hals schlingt und mich fast erdrückt oder meine Gliedmaßen drangsaliert. Egal wie lieb ich dieses Kind habe. Also warum sollten ausgerechnet Beutegreifer mit 42 Zähnen sich auf Dauer so etwas gefallen lassen, geschweige denn, das schön finden? Das ist eine unrealistische Erwartungshaltung und eine unfaire Einstellung. Klar, gibt es auch bei den Hunden seeehr unterschiedliche Individuen und mit Sicherheit extrem souveräne Tiere, die auch flippige, übergriffige Kinder gut einschätzen und kompensieren können. Die sind jedoch sehr rar gesät.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

So rotzefrech der Spruch ist, so wahr ist er auch – vor allem, wenn es um die hündische Körpersprache geht. So viele Missverständnisse, so viel Leid, so viele Beißereien würden nicht stattfinden, wenn der Mensch den Hund lesen könnte, statt wild und meist falsch zu interpretieren. Und da wären wir bei der Eskalationsleiter.

Hoppe, hoppe Reiter auf der Eskalationsleiter

Ein Hund beißt, um eine Störung oder auch Gefahr abzuwehren. Ein durchschnittlicher Hund beißt nicht ohne Vorwarnung bzw. ohne deutliche und meist zunächst freundliche Hinweise, dass er ein Verhalten, das ihm entgegengebracht wird, nicht möchte. Ein Hund beißt, wenn seine Kommunikation, die – oftmals über einen sehr langen Zeitraum – deutlich und vehement sagte „ich möchte das nicht“, ignoriert wurde.

Wird ein Hund nun tagein, tagaus von einem Kind – oder auch von einem Erwachsenen – als Spielzeug gesehen und behandelt, während z.B. die Eltern oder Großeltern das noch voll süß finden und nicht unterbinden, zeigt er i.d.R. sehr schnell, dass ihm das nicht gefällt. Die so genannte Eskalationsleiter gibt Aufschluss darüber, welche – auch noch sehr harmlosen – Signale ein Hund sendet, um seinen Unmut zu äußern. Bei Hunden kommt es i.d.R. nicht vor, dass sie einfach so mehrere Eskalationsstufen überspringen. Selbst in irgendeiner Weise vorbelastete Hunde zeigen stufenweise Eskalationsverhalten. Die einzelnen Stufen werden lediglich von den Menschen oft nicht gesehen, bis sie ganz oben bei „tiefrot und gefährlich“ angekommen sind. Und es dann heißt, der Hund hätte ohne Vorwarnung zugebissen.

Die Eskalationsleiter – sollte jeder Mensch kennen, der mit Hunden zu tun hat

  • Entspannter Körper: Der Hund zeigt keine Konfliktsignale
  • Leichte Konfliktsignale: Der Hund blinzelt oder wendet den Blick ab, leckt sich die Schnauze, schmatzt oder gähnt
  • Signale der Beschwichtigung: Der Hund wendet Kopf oder Körper ab, setzt oder legt sich hin oder geht aus der Situation
  • Ersatzhandlungen: Der Hund kratzt sich, beißt in Leine oder sonstige Gegenstände oder Gras; buddelt, zeigt Vorderkörpertiefstellung oder auch clowniges, „welpiges“ Verhalten
  • Stärkere Konfliktsignale: Der Hund stellt sein Fell, duckt sich ab, erstarrt, friert ein oder bellt
  • Distanzsignale oder erste Drohsignale: Der Hund geht in Drohhaltung, fixiert, fletscht die Zähne oder knurr.
  • Deutlichere Drohsignale: Der Hund geht nach vorne, rempelt oder schnappt in die Luft; hier entstehen noch keine Verletzungen
  • Gehemmte Attacke: Der Hund zwickt oder packt konkret zu, allerdings ohne Verletzungen; ein Bluterguss ist i.d.R. das äußerste
  • Ungehemmter Angriff bzw. Kampf: Der Hund beißt ein- oder mehrmalig zu mit konkreter Verletzungsabsicht

Die ersten paar Stufen werden von den Menschen meist sogar als Spiel fehlinterpretiert – ob innerartlich oder mit Menschen jeden Alters.

Respekt und Regeln statt tickende Zeitbomben

Der Hund ist ein hochsoziales, fühlendes Lebewesen und als solches muss er auch behandelt werden – von Erwachsenen wie von Kindern. Das Sprichwort „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ ist hier wie in quasi allen Lebensbereichen ein guter Leitsatz …

Verhaltensregeln für Kinder

  • Kein unbeaufsichtigtes Spiel mit dem Hund, wenn das Kind noch nicht respektvoll mit dem Hund umgehen kann
  • Kein körperlich bedrängendes Verhalten dem Hund gegenüber wie z.B. an Fell oder Gliedmaßen ziehen oder den Hund umklammern; kein Schlagen oder Treten
  • Kein Zugreifen oder Abholen von Spielzeug oder Futter – das Kind muss seine Tabus kennen und befolgen können
  • Kein wildes Toben in Haus oder Garten mit dem Hund – auch, wenn es aussieht, als ob der Hund „Spaß“ dabei hat, ist es meist eher Stress; der Hund wird unnötig aufgeputscht, wodurch eine erhöhte Verletzungsgefahr entsteht

Schutzmaßnahmen für Hunde

  • Dem Hund muss mindestens ein Rückzugsort zur Verfügung stehen, der für die Erwachsenen, vor allem jedoch für die Kinder, streng tabu ist und an dem er ungestört ruhen kann
  • Wenn der Hund sich dem Kind entziehen möchte, muss er die Möglichkeit dazu haben; das Kind soll angehalten werden, das Ruhebedürfnis des Hundes zu respektieren
  • Der Hund sollte nicht unangemessen bestraft werden für Verhalten, das er aus der Not heraus zeigt und das vom Kind provoziert wurde; so wird die Not des Hundes nur größer und dementsprechend wächst i.d.R. auch die Aggressionsbereitschaft

Spiel, Spaß und Spannung für Thor-Leopold und Xena-Charlotte …

… aber bitte ohne Fiffi. In diesem Sinne. Mehr Verständnis für die Natur des Hundes.

geschrieben von Martina, Hundetrainerin bei Kläffer & Smart

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