Hundeknigge: Abstand. AHA-Regeln für Hundehalter

Blog > Beitrag vom 22.11.2021
Hund auf Abstand Erstmal ein Haiku: Steht ein Mensch mit Hund - abseits eines Spazierwegs - hat das einen Grund.

Im ersten Teil unserer Hundeknigge-Reihe hatten wir uns bereits dem „Anleinen bei Begegnungen“ gewidmet. Und weil das Thema Begegnungen bei so vielen Menschen und so vielen Hunden täglich zu Stress, Missverständnissen, Frust oder gar Streit führt, bleiben wir vorerst dabei. Eins vorab: auch bei Hundebegegnungen gilt es oftmals, AHA-Regeln zu befolgen.

Ab ins Gebüsch! 

Vielleicht kennst du folgende Situation: Auf dem Hundespaziergang kommt dir ein Mensch mit fremdem Hund entgegen. Du siehst, wie die beiden, nachdem sie dich und deinen Hund erblickt haben, den Weg verlassen und sich ein paar Meter in den lichten Wald, in die Wiese oder – wenn nötig – sogar ins Gestrüpp begeben. Hier ein paar Einblicke über das Warum und das Was tun:

Bereits in unserem Artikel „Einmal anleinen bitte“ haben wir die Vielfalt an möglichen Gründen besprochen, warum Menschen (und Hunde!) Fremdhundkontakt nicht wollen oder nicht können. Die „Abseitssteher“ haben meist folgenden, übergeordneten Grund: Überforderung aufgrund eines sozialen Konflikts. Der Hund ist aktuell nicht in der Lage, auf einem Spazierweg an einem anderen Hund (oder Spaziergänger, Radfahrer, Jogger …) in einem für ihn zuträglichen Zustand vorbeizugehen. Heißt, er schafft die geringe Distanz nicht und braucht einen für ihn erträglichen Abstand. Was der Hund nicht braucht, ist eine ärgerliche Einmischung von Fremden.

Ein Konflikt ist mehr als genug

Ein zusätzlicher Konflikt durch fremde Einmischung kann etwa wie folgt entstehen. Der herannahende Mensch bleibt mit seinem Hund auf Höhe des abseits stehenden Mensch-Hund-Teams stehen oder geht sogar noch auf die beiden zu und fragt beispielsweise „Ist Ihr Hund aggressiv?“ oder sagt „Vor uns brauchen Sie nicht wegzulaufen, mein Hund ist ganz lieb!“. Für den Menschen, der da mit seinem Hund steht, um direkten Kontakt zu umgehen, werden solche Ansprachen in den meisten Fällen als übergriffig empfunden. Die oftmals beste Antwort hierauf wäre so etwas wie „Hallo und danke für Ihr Interesse. Bitte sehen Sie es mir nach, wir möchten weder Kontakt noch eine Unterhaltung. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ Mit der Konsequenz, dass der interessierte Mensch dies akzeptiert, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen und freundlich von dannen zieht.

Und jetzt zurück zur Realität

Im wahren Hundehalterleben sieht das Ganze oft anders aus. Der mit seinem Hund im Abseits stehende Mensch fühlt sich aus Höflichkeit innerlich verpflichtet, Rede und Antwort zu stehen, wie etwa „Mein Hund schafft eine bestimmte Nähe noch nicht“, „Wir sind im Training und möchten etwas Abstand“ oder „Mein Hund hat seine Individualdistanz, die ich hiermit sicherstelle“. Und hier nimmt der Konflikt oft richtig Fahrt auf. Denn nur wenige Menschen akzeptieren dies erfahrungsgemäß und sagen so etwas wie „Ah okay, dann Ihnen beiden alles Gute und Tschüssiii“. Eher fangen sie z.B. an zu diskutieren à la „Aber wie soll Ihr Hund denn Kontakt lernen, wenn Sie ihm jeglichen Kontakt verbieten?!“. Oder – etwa verdattert, weil sie doch für ihren Hund auf der Suche nach einem Spielkameraden sind – „Mein Rüde ist totaaal lieb und entspannt, wenn Ihr Mädel mal mit dem spielt, lernt sie, dass Hunde voll toll sind!“, eventuell sogar während der gar nicht mal so coole Rüde daneben vor Anspannung zu explodieren droht. Oder „Sie gehen das falsch an, Sie müssen (hier bitte pauschale Trainingsanweisung hindenken), hat mein Nachbar sich bei (hier bitte TV-Trainer hindenken) abgeschaut und bei ihm hat's super funktioniert“. Oder "Ich habe 30 Jahre lang Schäferhunde ausgebildet, ich kann Ihnen sagen, so wie Sie das hier machen, wird das nix!". Wenn der Mensch, der seinem Hund gerade durch Abstand helfen will, nun noch mit Forderungen oder Belehrungen – mögen sie sogar wirklich gut gemeint sein – konfrontiert wird, steigt auch bei ihm ggf. die Anspannung. Und diese überträgt sich noch zusätzlich auf den Hund, der es aufgrund seines eigenen Konflikts schon schwer genug hat. Besonders ärgerlich wird es, wenn der sich einmischende Mensch, nachdem er abgelockt wurde, einfach nicht locker lässt und Kommentare hinterher schickt wie „Hunde brauchen aber Kontakte“, „Hunde müssen sich aber Hallo sagen dürfen“ oder „Hunde müssen aber miteinander spielen“. Oder wenn er gar noch mehr eskaliert. Es soll tatsächlich schon vorgekommen sein, dass Hundehalter andere als Tierquäler bezeichneten, weil diese ihren Hund grundsätzlich nicht zu jedem x-beliebigen Fremdhund lassen (hier bitte Emoticon mit schockiertem Gesichtsausdruck hindenken).

Also, was tun, wenn dein Hund Abstand braucht?

Wenn du zu den Menschen gehörst, deren Hund Abstand braucht, kann ich dir nur ans Herz legen: Handle grundsätzlich in deinem Sinne und im Sinne deines Hundes. Du hast niemandem, egal wie freundlich der Mensch ist, Rechenschaft abzulegen. Deine Verantwortung gilt in erster Linie dir und deinem Tier gegenüber. Sollte dir eine solche Grenzsetzung schwer fallen, geht es dir wie vielen Menschen, du bist nicht allein. Das Gute ist: du kannst das lernen, Schritt für Schritt. Du kannst dir z.B. zuhause ein paar freundliche Abfuhren zurecht legen und diese wie ein Mantra wiederholen, bis du es schaffst, sie in der Situation parat zu haben. Und wenn du deine Grenze eher stammelnd oder auch mal unfreundlich verteidigst, geht die Welt auch nicht unter. Hauptsache, du schützt den Raum, der dir und deinem Hund zusteht. Und vergiss nicht: Morgen ist wieder ein neuer Tag, an dem du es besser machen kannst. Und übermorgen. Und überübermorgen …

Und nun: die AHA-Regeln für Hundehalter

Wenn du zu den Menschen gehörst, die andere Menschen mit Hund gerne ansprechen, die abseitsstehen – sei es aus purem Interesse, Fürsorge oder sonstigen Gründen – lass es doch einfach sein. Auch, wenn du denkst, du könntest hier helfen. Denn was aus deiner Sicht vielleicht als Hilfe gesehen wird, wird vom Gegenüber womöglich als Angriff in Form von Besserwisserei, Störung oder Übergriffigkeit gesehen. Mal ehrlich: solange der Mensch nicht gerade im Wald steht und seinem Hund etwas antut, geht dich der Grund für das Abseits gar nichts an. Hier also die AHA-Regeln für Hundehalter – die übrigens auch gerne in vielen anderen Situationen angewendet werden dürfen:

A – wie Abstand wahren: Nimm einfach wahr, dass da ein Mensch mit seinem Hund auf Abstand steht. Verringere diesen Abstand nicht von dir aus.

H – wie Hallo sagen: Ein netter Gruß, eventuell sogar kombiniert mit einem Lächeln, macht die Situation für alle Individuen etwas besser.

A – wie Akzeptieren: Auch, wenn dich der Grund für das gewählte Abseits brennend interessiert, frag nicht danach. Akzeptier einfach, dass es einen guten Grund dafür gibt. Dränge anderen nicht das auf, was du als Hilfe siehst, denn andere sehen das vielleicht als Grenzverletzung. Bleib bei dir und deinen eigenen Gründen, warum du was wie tust und gib für dich und deinen Hund dein Bestes.

Zum Abschluss: Ausnahmen bestätigen auch die AHA-Regel

Der Vollständigkeit halber möchte ich hier noch erwähnen, dass mancher Hund, der Abstand braucht, davon profitiert, wenn mit einem fremden Mensch-Hund-Team über eine passende Distanz eine freundliche Unterhaltung entsteht. Durch die positive Stimmung und dadurch, dass er die fremden Individuen aus der sicheren Entfernung in Ruhe einschätzen kann, besteht die Möglichkeit, dass der Hund die Begegnung als positive Erfahrung abspeichert. Wie oben geschrieben: Mancher Hund, nicht jeder! Deshalb sollte die Entscheidung, ob Kontakt aufgenommen wird, immer von dem abseits stehenden Menschen gefällt werden. Das kann z.B. über eine aktive Anfrage nach Hilfe geschehen, wie etwa „Würden Sie uns kurz beim Üben helfen und mal eben stehen bleiben, um ein paar freundliche Sätze zu wechseln?“. Wer kann da widerstehen und ein nettes, unvoreingenommenes Gespräch ausschlagen?

Und nun: fröhliches Rücksichtnehmen, allerseits :)

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Martina, Hundetrainerin bei Kläffer & Smart

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