Hundeknigge: Flexileine richtig nutzen

Blog > Beitrag vom 03.01.2022
Zum Chef erzogen - der Hund an der Flexileine In unserem heutigen Hundeknigge erklären wir euch, wie man Flexileinen richtig nutzt: Gar nicht. Ein Plädoyer gegen schadhafte Bequemlichkeit und für die gesunde Beziehung von Mensch & Hund. Und deren Umfeld.

Des einen Bequemlichkeit, des anderen Leid

Eins vorab: Es gibt sogar unter Hundetrainern den einen oder anderen Freund der Flexileine. Ich bin das Gegenteil von Freund. Warum? Weil die Flexi- auch Rollleine oder Ausziehleine gefährlich ist. Für Beziehung, Gesundheit und Umfeld. Natürlich hat die Flexileine auch Vorteile. Also, äh, einen: sie ist bequem. Weil man einfach nur den Hund machen lassen kann und wenn einem etwas nicht gefällt, drückt man den Stoppknopf. Mechanische Einwirkung statt Miteinander im Einvernehmen, achtlose Kontrolle statt achtsame Kommunikation. Das kann viel in der Beziehung zwischen dir und deinem Hund kaputt machen. Glaubst du nicht? Dann lies weiter. Aber was haben diese Beziehungs-Tipps nun im Hundeknigge verloren? Ganz einfach: Die Nutzung einer Rollleine wirkt sich in gefühlt 97% der Fälle in mindestens einem Punkt unangehm bis schadhaft auf das Umfeld aus.

Die „Freiheit“ der Flexileine – der Overkill für dich und deinen Hund

Hier möchte ich dir die Nachteile einer Ausziehleine erklären, die sich direkt auf dich und deinen Hund auswirken und eure Beziehung stören oder gar zerstören können:

Du degradierst dich selbst. Wenn dein Hund immer und überall durch Ziehen an der Ausrollleine seinen Radius bestimmt und sich jeglichen Raum nimmt, so hat er auch das Sagen. Du führst deinen Hund nicht, er führt dich. Kein Wunder also, wenn z.B. dein „Rückruf“ nur mit Stoppknopf und dem Herbeiangeln deines Hundes funktioniert. Wenn du deinem Hund beim Spaziergang an der Flexileine die gesamte Verantwortung überlässt, darfst du dich nicht wundern, wenn er diese auch in jedweder Situation wahrnimmt, in der du das vielleicht nicht wünschst. Das öffnet Tür und Tor für jede Menge unerwünschtes Verhalten und Distanzlosigkeit.

Du sorgst dafür, dass dein Hund nicht leinenführig ist. Denn mit einer Flexi lernt dein Hund „wenn ich voran kommen will, muss ich ziehen“. Also zieht er – auch, wenn du mal mit arretierter Rollleine oder normaler Leine spazieren gehst. Und übrigens auch, wenn die Flexileine voll ausgefahren ist und dein Hund irgendwo hinwill. Ob du hinten dranhängst oder nicht.

Du setzt deinen Hund unter Druck. Die Leine steht immer unter Spannung, da dein Hund der Widerstand ist, der dafür sorgt, dass sie nicht ins Gehäuse fährt. Spannung auf Halsband oder Geschirr sorgt für ein permanentes Unbehagen und setzt deinen Hund emotional unter Druck. Das kann z.B. dazu führen, dass er immer hibbeliger wird und noch mehr in der Leine hängt, um diesem Druck zu entkommen. Abgesehen davon sollte man – wenn schon Flexileine – diese nicht am Halsband, sondern am Geschirr befestigen. Der Grund folgt.

Du gefährdest deinen Hund massiv. Startet dein Hund so richtig schön durch und du drückst den Stoppknopf, geht ein Ruck durch den Körper deines Hundes. Das kann sogar zu Verletzungen führen, vor allem, wenn die Rollleine am Halsband befestigt ist. Mindestens jedoch führt das ständige Rucken zu muskulären Verspannungen, die dafür sorgen, dass dein Hund zusätzlich emotional verspannt. Und es kann auch noch schlimmer kommen: sollte dir die Flexileine einmal aus der Hand fallen und dein Hund sich durch das Geräusch erschrecken, wenn das Gehäuse auf den Boden knallt, kann er flüchten. Wenn das Gehäuse dann noch hinter ihm her über den Boden poltert und seine Angst befeuert, gibt es ggf. so schnell kein Zurück mehr. In dem Fall hoffen wir, dass die nächste Straße sehr weit weg ist.

Du gefährdest deine eigene Gesundheit. Nicht nur für den Hund besteht mit einer Ausziehleine Verletzungsgefahr, sondern auch für dich selbst. Du kannst dich beispielsweise an der schnell ein- oder ausfahrenden Schnur bzw. am Band verbrennen oder stolpern, je nachdem, wo sich dein Hund gerade mit einer gespannten Leine verwickelt. Dein Hund übrigens genauso.

Du schwächst eure Beziehung. Wenn du lieber auf Bequemlichkeit setzt, statt dir mit deinem Hund auf faire und wohlwollende Weise eine gute Kommunikation und Kooperation zu erarbeiten, dann nimmst du deinen Hund nicht ernst. Und das nimmt dein Hund wahr. Wenn Hunde sich nicht ernst genommen, nicht gesehen fühlen, dann spiegeln sie das in der Regel auch ihrem Menschen zurück. Wenn dein Hund aus diesem Grund dann nicht auf dich hört oder gar rebelliert, du darauf mit Druck und noch mehr willkürlicher, überspannter oder wütender Einwirkung reagierst, machst du dich damit vor deinem Hund noch unglaubwürdiger. Eure Beziehung kann massiv darunter leiden.

Das um sich greifende Flexileiden

So wie eure Beziehung unter den Nachteilen einer Flexileine leidet, so leidet ggf. auch euer Umfeld darunter.

Die unsichtbare Falle. Auch, wenn es mittlerweile Rollleinen gibt, die ein neonfarbenes Band haben, so kommen immer noch viele nur mit einer Drahtschnur daher. Bei diesen ist bereits aus geringer Entfernung für andere Menschen nicht zu sehen, ob ein Hund angeleint ist. Die Leine wird ggf. von anderen zu spät erkannt – gerade in Begegnungen mit Radfahrern und Joggern ein Klassiker – und wird zur Unfall- oder Stolperfalle.

Der drohende Schrecken. Was für den eigenen Hund gilt, gilt auch für fremde Hunde: Beim Herunterfallen kann das Gehäuse einer Flexileine auch fremde Hunde erschrecken und für Fehlverknüpfungen sorgen, mit denen der Hund und sein Mensch ab diesem Zeitpunkt ggf. schwer zu kämpfen haben. Außerdem werden oft auch Hundebegegnungen an der Rollleine zugelassen. Gerade mit einer Leine auf Spannung ist die Verhedderungs- sowie die Verletzungsgefahr groß – das Thema Verbrennungen hatten wir bereits. Ein weiterer Schrecken oder auch ein Konflikt kann entstehen, wenn z.B. plötzlich Menschenhände einen unsicheren oder ängstlichen Hund aus einem sowieso schon stressenden Leinensalat befreien möchten. Im schlimmsten Fall kann es zum Einsatz von Zähnen kommen.

Der unberechenbare Konflikt. Ist ein Mensch-Hund-Team mit „unsichtbarer“ Rollleine unterwegs, bedeutet das oftmals Stress für andere Hundehalter, da sie die Situation nicht richtig einschätzen können. Vor allem für diejenigen, die bereits die unangenehme Erfahrung gemacht haben, dass andere Hundehalter ihren Vierbeiner einfach zu fremden Hunden stürmen lassen, bereitet eine nicht sichtbare Leine große Sorgen. Aber auch bei sichtbaren Flexis können andere Menschen nicht einschätzen, wie weit sich die Leine ausziehen lässt. So oder so besteht hier für andere Menschen und Hunde Stress- und Konfliktpotential.

Die immerwährenden Risiken. Die Ausziehleine ist meist ein Konstrukt aus Kunststoff und anderen Materialien, das durch Federn, Knöpfe, Befestigungen etc. gleich mehrere Sollbruchstellen mitbringt. Die Leine kann z.B. einfach abreißen oder der Stopper kann kaputt gehen. Klar, auch mit einer normalen Führleine kann etwas passieren, hier sind jedoch weniger Sollbruchstellen mit ihm Spiel. Immer öfter sehe ich große Hunde mit 30, 40, 50 kg an Rollleinen. Gerade um diese mache ich persönlich einen noch größeren Bogen wie eh schon, denn je mehr Hundegewicht, desto weniger traue ich der Ausziehleine. Und wenn eine distanzlose Wuchtbrumme so richtig in die 15 Meter lange Flexileine brettert, ist es letztendlich auch egal, ob die Leine doch hält, was sie verspricht, aber letztendlich dem Halter aus der Hand gerissen wird.

Die ungewollten Verknüpfungen. Hunde können andere Hunde an Flexileinen durch unangenehme Erfahrungen unangenehm verknüpfen. Manche Hunde z.B. brauchen nur das typische „rrrtsch“ oder „kknrrrk-knrrk-knnnrrkk“ einer Rollleine zu hören, ohne das herannahende Mensch-Hund-Team überhaupt zu sehen, und schon steigt der Stresslevel. Aber auch bei Menschen entstehen permanent Verknüpfungen … Kleine Plauderei aus dem Nähkästchen: Ich kenne kaum einen Hundehalter, der nicht bereits eine unangenehme Erfahrung mit einem Hund an einer Rollleine und/oder seinem Menschen gemacht hat. Ein Mensch-Hund-Team mit Flexileine ist für viele Hundehalter ein Klischeebild und ein Synonym für einen Mangel an Erziehung, Rücksichtslosigkeit oder gar totale Ignoranz. Unschön, vor allem, wenn man einer der erfahrungsgemäß rar gesäten, verantwortungsvollen Menschen ist, die die Flexileine vorausschauend, vorsichtig und fair nutzen. Aber durchaus verständlich, wenn man all die hier erklärten Nachteile und Gefahren gekoppelt mit unangenehmen Erfahrungen betrachtet.

Das rechtliche Übrigens. Bevor du trotz allem, was dagegenspricht, eine Flexileine nutzt, schau in den Bedingungen deines Haftpflichtversicherers nach. Viele Versicherer schließen nämlich Flexileinen von einer Haftung im Schadensfall aus. Zurecht, wie ich finde.

In diesem Sinne: Weg von Bequemlichkeit und Klischee, hin zu Beziehung und Rücksicht!

 

geschrieben von Martina, Hundetrainerin bei Kläffer & Smart

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