Hundeknigge: Hunde sind kein Allgemeingut

Blog > Beitrag vom 31.01.2022
Fass meinen Hund nicht an In einem Punkt sind wir uns doch einig: Hunde sind einfach wunderbar! Diese außerordentliche Wunderbarlichkeit hat leider auch einen Haken: Sie führt bei vielen Menschen dazu, dass sie ständig mit wildfremden Hunden, denen sie begegnen, so mir nichts, dir nichts in Kontakt gehen. Und das oft, ohne den Besitzer zu fragen oder sich Gedanken darüber zu machen, ob der Hund das überhaupt möchte.

Alle Hunde lieben alle Menschen!

Was soll denn dieser Quark bitte: „ob der Hund das überhaupt möchte“!? Erstens weiß ja wohl jeder, dass es quasi der angeborene Lebensinhalt aller Hunde ist, alle Menschen toll zu finden und mit ihnen kuscheln zu wollen, egal ob freund oder fremd! Und zweitens, selbst wenn das nicht so wäre: wo kämen wir denn da bitte hin?? Wenn ein Hund entscheiden darf, mit wem er kuscheln möchte, hallo?? Es ist ein Hund! Und drittens, wer als Mensch etwas dagegen hat, dass andere seinen Hund streicheln wollen, na dann darf er sich eben keinen halten – Hunde sind schließlich Allgemeingut!

Okay, Sarkasmus Ende – jetzt mal bisschen Verständnis: Klar, kann es für Hundefreunde echt schwer sein, einem felligen Süßling zu widerstehen. Kenne ich. Aber das ist das persönliche Problem eines jeden Hundefreundes und nicht das Problem des Hundebesitzers, der für seinen Hund keinen Kontakt möchte – ob von fremden Hunden (siehe Blogartikel „Einmal anleinen, bitte“) oder fremden Menschen. Zumindest ist das theoretisch so. Praktisch sieht das leider ganz anders aus. Da geht man an wildfremden Menschen vorbei, die den Hund aus dem Nichts anschnalzen, ansprechen oder anfassen. Oder sogar Füttern, wie wir in unserem Blogartikel „Füttern verboten“ besprochen hatten. Tatsächlich ist diese Übergriffigkeit dem kontaktierenden Menschen meist gar nicht als solche bewusst, geschweige denn in irgendeiner Weise respektlos gemeint. Aber unbewusst oder nicht, übergriffig und respektlos ist das Ganze so oder so. Wie kommt es eigentlich dazu?

Das Oxymoron „respektlose Tierliebe“

Was ist der Antrieb des Menschen, fremde Hunde zu kontaktieren? Vielleicht zum Großteil persönliche Bedürfnisbefriedigung? Weiches Fell fühlt sich gut an, kuscheln ist sowieso gesund (mal ganz unwissenschaftlich ausgedrückt) und wenn der Hund einen toll findet, schmeichelt das auch noch dem Selbstwertgefühl. „Neeeiiin, das stimmt so nicht, zumindest nicht ganz, mein Hauptantrieb ist die Liebe zum Tier!“ Falls du zu den Fremdkontaktern gehörst und dein Kopf und dein Herz genau das schreien, während du diesen Artikel liest, dann lass uns mal gemeinsam über Folgendes nachdenken:

Der Hund, der dir da entgegenkommt, den kennst du nicht, ja?

Häkchen.

Es besteht wenigstens eine geringe Möglichkeit, dass dieser Hund Menschen gar nicht mag, ja?

Hhhm, … Häkchen.

Es besteht die Möglichkeit, dass dieser Hund Menschen voll gerne mag, auch fremde und auch gerne mit ihnen kuschelt, ja?

JAWOLLO, HÄKCHEN!

Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Hund z.B. gerade Schmerzen hat, von denen du nichts weißt, und deshalb nicht angefasst werden möchte, ja?

Oha, okay, Häkchen.

Es besteht die Möglichkeit, dass der Hund dir sogar wedelnd entgegenkommt, aber vielleicht eher, um dich zu stoppen und so den bevorstehenden Kontakt auszubremsen – so etwas machen Hunde nämlich durchaus, die haben teils sehr charmante Konfliktstrategien, ja?

Echt? Krass, na gut, Häkchen …

Es gibt ganz viele Gründe, fremde Hunde – oder Tiere allgemein – einfach in Ruhe zu lassen, aber diese hier reichen meines Erachtens schon dicke. Abgesehen davon, dass viele Menschen die Körpersprache der Hunde nicht oder nicht ausreichend lesen können, ein Nein vonseiten des Hundes einfach nicht sehen, und auch dann weiter an ihm rumzuhantieren, wenn der Hund erstarrt oder sich deutlich zu entziehen versucht.

Tierliebe und fremden Tieren einfach die eigenen Bedürfnisse überzustülpen haben nichts miteinander zu tun. Wer Tiere liebt, der respektiert sie auch und dazu gehört unter anderem, nicht einfach in Kontakt zu gehen, ob verbal oder körperlich. Und schon gar nicht, wenn der dazugehörige Mensch das nicht möchte.

„Du kommst hier net ran!“

Sooo. Wo wir nun beim Hundebesitzer angelangt sind: Dieser hat die alleinige Verantwortung und das alleinige Entscheidungsrecht, ob jemand in Kontakt mit seinem Hund gehen darf. Selbst wenn der Hund deutlich signalisiert, dass er gerne Kontakt hätte, entscheidet immer noch der Hundebesitzer. Und da gibt es auch nichts zu diskutieren. Theoretisch. Praktisch passiert das dennoch ständig. Deshalb spielen wir das Ding mal nach dem Motto „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ durch:

Du gehst mit deinem Schatzi spazieren – egal, ob verliebt, verlobt oder verheiratet. Plötzlich schnalzt – oder in diesem Falle pfeift – ein wildfremder Mensch Schatzi hinterher. Oder spricht sie/ihn ein bisschen zu vertraut an. Oder schmiegt sich gleich mit vollem Körpereinsatz an und streichelt drauf los, was das Zeug hält. Geht gar nicht, oder? Ersetze gerne „Schatzi“ gegen „dein Kind“, ist nicht gerade besser. Auch, wenn viele Menschen Kinder ebenso als Allgemeingut betrachten, die man einfach anquatschen oder denen man sogar brutal in die Wange kneifen darf (uarrgh!). Würdest du das für deine Lieben wollen oder würdest du den Übergreifern gleich saftig Grenzen setzen? „Jaaa, aber das kann man doch gar nicht mit einem Hund vergleichen!“, denkst du? Warum nicht? Ein Mensch ist ein Sozialpartner, ein Hund ist ein Sozialpartner. Ist deine Tierliebe so groß, dass es dann doch „nur ein Hund“ ist?

Wahrer Respekt akzeptiert ein „Nein“

Es spricht nichts dagegen, einen Hundebesitzer zu fragen, ob man in irgendeiner Weise mit dem Tierchen in Kontakt gehen darf. Fragen kost schließlich nix. Wenn dann ein „Nein“ kommt, ist das weder ein Angriff noch ein Grund, Frauchen oder Herrchen in die Rechtfertigung zu drängen, wieso-weshalb-warum denn nicht. Übrigens dürfen darüber auch gerne Freunde, Bekannte oder Verwandte von Hundebesitzern mal nachdenken. Es darf einfach mal davon ausgegangen werden, dass der Mensch der großen und sensiblen Verantwortung seinem Hund gegenüber gerecht wird. Ein Nein braucht keine Gründe. Es braucht lediglich den Respekt, der ihm zusteht – einfach aufgrund der Tatsache, dass es ein Nein ist.

In diesem Sinne: Mehr Respekt für all die wunderbaren Hunde. Und ihre Neins. Und die Neins ihrer Besitzer.

geschrieben von Martina, Hundetrainerin bei Kläffer & Smart

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